Den Menschen sehen, andere Menschen wahrnehmen – irgendwie denke ich immer, dass es selbstverständlich ist, dass es normal ist. Und dann stelle ich fest: Nein, ist es leider gar nicht.
Ich erinnere mich an eine Situation. Es ging um eine achte Klasse und ihren Weg zur Berufsorientierung. Den Einstieg begleiteten wir mit und dabei ging es ausschließlich um die Potenziale der Jugendlichen. Zum Ende des Tages sollten sich die Jugendlichen gegenseitig etwas Positives oder auch gute Wünsche auf ein Blatt auf den Rücken schreiben. Funktioniert mal besser und mal schlechter. In dieser Gruppe funktionierte es sehr gut. Ein Mädchen las sich nachher ihr Blatt durch, schaute mich und die Gruppe an und sagte: “So etwas Schönes hat mir noch nie jemand gesagt.”
Diesem Mädchen hat noch nie jemand gesagt, dass es toll ist, dass es gut zuhört, dass es kreativ ist, etc.! Und da ist mir wieder klar geworden: Nein, leider wird nicht jeder Mensch gesehen, egal ob alt oder jung, reich oder arm, egal welches Geschlecht oder welche Nationalität, egal, was er/sie gut kann oder auch nicht. Heutzutage geht es meistens nur um uns selbst, und wir sind auf uns selbst fokussiert und verlieren dabei die Menschen um uns herum aus den Augen. Und dabei gibt es Menschen, die es bräuchten, gesehen zu werden. Und wenn es nur ein nettes Wort oder vielleicht ein Lächeln ist.

Cornelia Boldt
Kolping-Bildungswerk Aachen
