(Transkribiert von der Audio-Datei. 😊)
Zuletzt habe ich ja davon gesprochen, dass jede Geschichte jemanden braucht, der sie erzählt.
Und da geht es natürlich nicht um fremde Geschichten, die man erzählt, sondern da sind es am besten die eigenen. Und die will ich nicht schuldig bleiben.
Und ich habe auch eine, die schwimmt so gesehen ganz oben.
Als Kind oder als Jugendlicher habe ich eigentlich total wenig Einsamkeit erfahren müssen.
Daran muss ich immer denken, wenn es bei uns in Kolping heißt: „Zusammen sind wir Kolping.“ Und für uns hieß es damals immer: „Zusammen sind wir da.“ Ja, richtig für uns. Denn ich bin als Zwilling groß geworden und wir haben früher recht einsam gewohnt.
Mein Bruder und ich, wir waren tatsächlich sehr lange untrennbar zusammen.
Und auf Familienfotos oder Bildern von uns sind wir eigentlich immer nur zusammen zu sehen. Es gibt kaum ein Bild- ich glaube keins-, auf dem wir nicht zusammen sind. Keins, auf dem einer von uns alleine ist.
Als die Bundeswehrzeit kam oder für mich der Zivildienst, da mussten wir unsere Beziehung neu gestalten. Das war gar nicht so leicht, haben wir gemerkt, denn das war vorher so selbstverständlich.
Aber eng verbunden bleiben geht auch, wenn man weit auseinander wohnt. Und dass dieser Mensch da war, also mein Zwillingsbruder, das hat mir immer ein Gefühl gegeben: „Ich bin nicht allein.“ Auch wenn ich das vielleicht mal war; ich war nie einsam.
Und das war ein richtig schönes Lebensgefühl.
Das hat sich für mich verändert, als mein Bruder vor vier Jahren sehr tragisch gestorben ist.
Das hat bei mir erstmalig ein Gefühl von Einsamkeit aufkommen lassen, so wie ich das vorher gar nicht kannte. Ich bin verheiratet, ich habe Familie, ich kenne genug Leute, ich bin auch sehr gesellig, das bin ich auch geblieben. Und doch war das ein richtig ungewohntes und richtig mieses Gefühl. Sehr unschön.
Anfangs konnte ich gar nicht von Martin erzählen, obwohl ich das immer sehr gerne gemacht hab. Aber ich wollte auch, dass mein Bruder Bestandteil meines Lebens bleibt. Darauf wollte ich nicht verzichten, auf diese Erinnerung von dem zusammen.
Und es sollte nicht nur Erinnerung bleiben.
Und jetzt ist eben mein verstorbener Zwillingsbruder Bestandteil meines Lebens. Ich hätte ihn gern wieder, aber das geht nicht.
Und ich nutze jetzt auch gerne die Gelegenheit, von ihm zu erzählen. Dann ist er wieder etwas da. Und es geht. Ja, ich kann verbunden sein mit jemandem, der doch nicht da ist, da bin ich mir sicher.
Und als Christ mache ich ja im Grunde was Ähnliches. Ich glaube auch an jemanden, den ich nicht fühlen kann oder den ich nicht anfassen kann. Und dennoch geht’s.
Und auch dieser Glaube hat uns beide immer verbunden und das tut er auch heute noch.
Dieses Glauben oder Verbundensein mit jemandem, der nicht da ist, das muss ich wohl mein Leben lang gestalten. Geht in Ordnung.
Das war meine Geschichte.
Und mittlerweile sind die Erinnerungen an meinen Bruder und an unser Zusammen nicht mehr nur traurig, die sind auch schön und das genieße ich, denn ich lebe ja weiter.
Hier sprach Michael Kock, geistiger Leiter im Kolpingwerk Aachen.

Michael Kock, Geistlicher Leiter im Kolpingwerk Aachen.
(für die Erwachsenen im Gesamtverband und genauso für die Kolpingjugend.)
