Impuls zur Woche

Der Herr der Zeit

Gestern war es wieder soweit; die Uhr ist zurückgedreht worden und viele Menschen und Tiere müssen sich wieder an die neue Situation gewöhnen. Jedes Jahr wird erneut über den Sinn und Unsinn der Zeitumstellung diskutiert und mein Eindruck ist, dass auch politisch viel geredet wird, jedoch nicht gehandelt.

Bis ins 19. Jahrhundert gibt es nur wenige Uhren; der größte Teil der Menschen richtet sich vor allem nach dem Stand der Sonne und dem, was die Natur vorgibt: Trockenheit und Regen, Wachstum und dem, was sich aus der alltäglichen Arbeit ergibt. Die aufkommende Industrialisierung betont mehr und mehr die Bedeutung der gemessenen Zeit. Natürliche Wetterperioden verlieren ihre Bedeutung für die Gesellschaft; lediglich die Landwirtschaft bindet sich noch immer an die alte Ordnung. Uhren an Kirchtürmen und Rathäusern geben die Zeit an: Sekunden, Minuten, eine Stunde. Die gemessene Zeit kann an Orten, die nur 100 km entfernt liegen, durchaus unterschiedlich sein. Erst ab 1893 regelt in Deutschland ein Gesetz die amtliche Zeit, die sich nach den 1884 beschlossenen 24 Zeitzonen richtet.

Im 20. Jahrhundert drehen vor allem kriegstreibende Machthaber erneut an der Zeit. Waffen müssen produziert werden wie auch andere wichtige industrielle Produkte. Die Zeit wird vorgestellt und wieder zurückgestellt. Die letzte vorrangige Begründung der Zeitumstellung gründet sich aus der Ölkrise Ende der Siebziger Jahre; Menschen haben sich wie in vielen anderen Bereichen umzustellen.

Bei mir bleibt wie bei vielen Menschen, die ich (in meiner Blase) kenne, ein schaler Geschmack im Mund. Wer profitiert von der Zeitumstellung? Wer schöpft den Gewinn ab und wer muss sich mit den Folgen abfinden? Was wird alles von Menschen gedacht und bestimmt, was beschlossen und umgesetzt und macht es wirklich Sinn? Der altbekannte Spruch drängt sich mir auf:

Der Mensch denkt und Gott lenkt – der Mensch dachte und Gott lachte.

Dietmar Prielipp