Perspektivwechsel

Gedanken vor der geschlossenen Bahnschranke

Montagmorgen, 9.20 Uhr, Bahnübergang Görgesheideweg in Osterath. Seit der Sanierung im letzten Jahr ist dies eine „Glück-auf“-Schranke (wenn man Glück hat, ist sie auf). Heute – wie so oft – habe ich kein Glück. Bin sowieso schon spät dran, um 10 Uhr wartet der erste Termin im Büro, dazwischen liegen noch minimum 35 Minuten Autofahrt. Der Zug kommt, ein Güterzug, ich zähle 34 Waggons. Ich starte den Motor, doch die weiß-roten Balken heben sich nicht. Kein gutes Zeichen. Also Motor wieder aus, warten.

Ich werde hektisch, fluche, versuche zum x-ten Mal zu errechnen, wie viel Lebenszeit die Deutsche Bahn den Wartenden an den Bahnübergängen stiehlt: Je Kreuzung 5 wartende Autos auf jeder Seite mal durchschnittlich 1,4 Insassen pro Wagen mal 3 Minuten Wartezeit. Mal wieviel Zügen? Mal wieviel beschrankten Bahnübergängen?? Und alles nur für die paar Menschen in den Zügen???

Und da fängt es an zu rattern. Nein, noch nicht auf den Schienen, sondern in meinem Kopf. Ich warte hier für die Menschen im Zug. Die vielleicht auch auf dem Weg zur Arbeit sind oder nach Hause, zum Arzt (oder Apotheker…). Ich schmunzle. Und denke „Es sei euch gegönnt!“ Und als der nächste Zug dann doch noch kommt, da versuche ich, die Menschen hinter den Fensterscheiben zu sehen, und ich rufe ihnen zu: „Guten Morgen! Hey, ich schenke Euch meine Zeit!“ Das hört zwar keiner von ihnen, aber es macht mir Spaß.

Und als sich kurz darauf die Schranke öffnet, fahre ich gut gelaunt weiter.

Peter Witte

Dieser Text stammt aus dem „Impulsheft“, das Dietmar Prielipp für das Kolpingwerk Diözesanverband Aachen zweimal jährlich herausgibt (hier: Österliche Bußzeit 2017). Die Impulshefte können hier heruntergeladen werden