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Seht diesen Menschen

Ich öffne die Augen? Ich sehe – ich übersehe – ich schau weg – ich schließe die Augen… Ich öffne das Herz? Ich fühle
– ich fühle mit – ich fühle nichts
– ich will es nicht wahrnehmen
– nicht wahrhaben – zu viel – too much!
Ich will nicht, dass dieser Mensch mich rührt, berührt, mich irritiert…

Ich komme aus dem Parkhaus – Rheinpromenade Düsseldorf, Carlstadt. Ich sehe eine kleine Bronzefigur: ein pausbäckiges Mädchen mit wildem Lockenkopf und Schleife, aufrecht, anmutig, mit auffälligen Ketten — kess, selbstsicher, wie eine überdimensionale Puppe. Ich fühle den Wunsch, mich nur an der ästhetischen Wirkung zu erfreuen und nicht an die Geschichte zu denken. Doch ich weiß: Es ist das Abbild eines SintiMädchens, das mit über 200 Sinti im Lager Düsseldorf-Höherweg 1937–45 interniert war. Viele starben oder wurden deportiert; Ehra überlebte. Otto Pankok lebte in den frühen 30er Jahren eng mit den Sinti, zeichnete sie mit Aufmerksamkeit und Empathie und gab ihnen Würde und Menschlichkeit in seinen Bildern. Seine Werke wurden als „entartet“ gebrandmarkt, er selbst geächtet. In Yad Vashem erinnert ein Apfelbaum an ihn. Eine ähnliche Statue steht in Mülheim an der Ruhr. Sollte nicht in jeder Stadt eine solche Figur stehen — etwa für das jüdische Kind Erich Sanders in Süchteln?
Solche Denkmäler erinnern uns im Alltag daran, Menschen mit Liebe und Aufmerksamkeit zu sehen, Augen und Herz zu öffnen, hinzuschauen, mitzufühlen und sich berühren zu lassen.

Irmgard van der Linden
KF Süchteln